Annette Meincke-Nagy & Marc Bronner

Stille

07.10 – 25.11.2017

 

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Annette Meincke-Nagy

Ich liebe es, Menschen zu betrachten. Beim Blick in ein Gesicht frage ich mich, welche Seele steckt dahinter? Durch die Beschäftigung mit der menschlichen Physiognomie versuche ich mir das Leben bewusster zu machen. Ein starker Forscherdrang treibt mich an, der Wunsch zu erkennen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. Bei jeder Skulptur, die ich forme, gibt es eine Vorlage, ein Modell. Das kann ein Gesicht sein, eine Figur, eine Haltung, die mich inspirieren. Mein innerer Antrieb ist der Wunsch nach Allgemeingültigkeit und Schönheit. Einen ruhigen allgemeingültigen Ausdruck herzustellen, und die Schönheit der menschlichen Physiognomie zu würdigen. Für mich ist Schönheit sichtbar gemachte Liebe.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesen Themen und versuche mich mit jeder Skulptur, die ich forme, diesem Ideal anzunäheren. Zunächst will ich möglichst nahe an das Modell herankommen. Wenn ich beginne, frage ich mich jedes Mal, wie ich das eigentlich hinbekommen soll und wie das funktioniert. Langsam nähere ich mich und fühle mich dabei wie ein tastender Forscher. Durch das langsame Entstehen der Skulptur, die durch die Technik des schichtweisen Aufbauens einen längeren Arbeitsprozess erfordert, entsteht eine Ruhe, eine Stille.

Einerseits gebe ich diese vor, andererseits strahlt sie auf mich zurück. Ich komme immer mehr in die Stille, und je stiller es wird, desto mehr höre ich die Geräusche beim Arbeiten. Und meine innere Stimme wird klarer und hörbarer. Manchmal höre ich dann so etwas wie »die Augen müssen geschlossen werden« oder »das Kleid grün malen«. Wenn ich Glück habe, gibt es die Momente der vollkommenen Stille, in denen ich das Gefühl habe, mit der Figur, der umgebenden Welt eins zu werden und so einen kurzen Einblick ins Universum zu bekommen. Ich forme die Skulptur, und gleichzeitig kommt sie mir entgegen. In diesem Moment löse ich mich von dem Ausgangsmodell und bin gespannt, wer mir da begegnet. Das ist der schönste Moment, der Moment, in dem ich mich ganz fühle.

Annette Meincke-Nagy, Oktober 2017

 

Marc Bronner

Erinnern Sie sich noch an die gemütlichen Fernsehabende in den späten 70ern? Als die Familie in der guten Stube zusammensaß um gemeinsam einen TVKrimi zu erleben? Bourgeoise Dramen wurden dem Zuschauer damals mit wenig spektakulärer Technik, dafür jedoch mit äußerst theatralischem Schauspiel dargeboten. Filmsets waren gekennzeichnet durch ein oftmals karges Interieur und auch der Einsatz von szenischer Filmmusik war im Vergleich zu heute geradezu spartanisch. Das Fernsehen der späten 70er lebte von seinen Protagonisten. Schaut man sich heute eine Krimiserie aus dieser Zeit an, so fallen einem sofort die Pausen auf. Sekunden ohne erkennbare Handlung, Sekunden in denen die Protagonisten scheinbar in sich verharren, Sekunden, die ohne jegliche musikalische Untermalung begleitet werden, Sekunden, die wir in 2017 nicht mehr haben und kaum ertragen können. Das Fernsehen dieser Zeit lebte auch von diesen Sekunden der unerträglichen Entschleunigung.. ... 
Um diesen Moment der Stille, des Wartens und der Spannung, um eine kontemplative Betrachtung noch eindringlicher zu gestalten, wähle ich bei der späteren Ausarbeitung in Öl einen beinahe fotorealistischen Ansatz. Nur beinahe deshalb, weil die kühle und dokumentarische Anmutung des Fotorealismus mir im ersten Augenblick der Betrachtung als Mittel zum Zweck dient, an die Nostalgie der oben beschriebenen 70er Jahre zu erinnern. Jedoch habe ich mich allein dem malerischen Prozess verschrieben, der meines Erachtens das narrative Moment der Szenerie wesentlich besser zu unterstreichen vermag und die scheinbare Melancholie der dargestellten Figuren auf einer höchst emotionalen Ebene einfängt, ohne dabei von der Akkuratesse bürgerlicher Ästhetik abzulenken. Die detailrealistische Ölmalerei bietet mir eine perfekte Bühne dem Betrachter eine Geschichte des Moments, des Augenblickes und der Stille illusionistisch näher zu bringen und ihn gleichermaßen an eine Zeit zu erinnern, in der man sich mit Zuständen wie Ungewissheit und Abwarten arrangierte ohne an ihnen zu scheitern.

Marc Bronner, Oktober 2017