#i  36 x 28,8 cm . 2016

Vive les vacances!

Beim Betrachten von Inka Büttners Collagen kommt mir eine Zeile aus Wallace Stevens Gedicht ‚Prologues to what is possible‘ in den Sinn: Der amerikanische Dichter, in dessen Poesie oftmals ein Möglichkeitsraum durch die Kollision des Unbewussten mit der Realität entsteht, fantasiert darin über ein steinernes Boot. Die Steine sind leicht, sie wiegen nichts. Daher weist das Boot „a brilliance of unaccustomed origin“  auf. Und der Passagier verlässt damit bekannte Gefilde. Jene so ungewöhnliche wie brillante Originalität zeichnet auch das Werk von Inka Büttner aus. Es lässt ihre Collagen so suggestiv wie eigenartig, so anzüglich wie beiläufig erscheinen. Sie verweisen sowohl auf die Künstlerin selbst als auch auf die Geschichte der Collage schlechthin und zeigen uns trotzdem unbekannte Gewässer.

  Es darf gerätselt werden, warum nur die wunderschön anzusehenden, übereinander-geschlagenen Beine einer sitzenden Frau zu sehen sind. Der Rest ihres Körpers bleibt abgeschnitten. Eine der beiden hochhackigen Sandalen steht auf einem Wasserschlauch. Auf dem anderen Bein docken demnächst zwei große, abgegessene Wassermelonenschalen an, wie Raumschiffe bei der Mondlandung. Oder werden sie von der kirschroten Sandale in die Luft gekickt, schweben wie Ballons? Jedenfalls stimmen die Proportionen und die Kulissen in diesen Collagen nie so ganz. Wohlstandsmüll taucht auf. Sein Farbgehalt wirkt stets gedämpft, hingetupft, nie Paintballmäßig grell. 

    Kleine Störungsmanöver lenken von der Handlung ab, regen die Sinne an, bereichern Büttners Bildsprache: Die bunten, konfettihaften Papierlocherpunkte auf einer Fotografie, die eine unscharfe Straßenszene zeigt, womöglich in Paris. Unten rechts schiebt sich eine Art-Deco-Villa ins Bild, wie man sie aus Los Angeles kennt. Die ausgelassene Stimmung scheint die neue mit der alten Welt zu verbinden. 

    Zuhause wartet Unheil in der Post: Ein Schlangengezücht hängt vor einem Briefkastenaufbau. Der Aufbau erinnert an bundesdeutsche Hochhaus-Sammelbriefkästen. Flaue Gefühle statt Idylle. So schnell wie sie aufkommen, verfliegen sie wieder. Inka Büttner lässt sich immer von den Schiffshörnern ihrer Heimatstadt Hamburg inspirieren. Mit ihnen schweift sie in die Ferne: Schon in der nächsten Collage lädt das spektakelnde Wesen einer Großstadt zum Abtauchen ein, ihre Lichter und Skylines, man muss unweigerlich an pulsierendes Leben und die Möglichkeiten von Anonymität denken; darüber Vorhänge, von einer Requisitenhand werden sie zu- und aufgezogen. Ein Spiel mit unseren Illusionen.

    Aus dem Mythenhut der Popkultur zaubert Inka Büttner ungeahnt Neues hervor. Den bekannten Posen und Ikonen entsteht so eine sinnvolle Konkurrenz: Alain Delon, der eiskalte Engel, steht plötzlich im Regen. Oder sind es Tränen der Wut, die jemand weint?

    Büttner folgt einer Frau, die nur mit einer Jacke und in Stiefeletten durch eine Wiese geht. Der Fokus richtet sich auf ihren wundervollen Hintern. Ein Klecks umhüllt ihren Oberkörper, beschützt sie vor allzu aufdringlichen Blicken.

    Eine andere Figur unter einem Badetuch bleibt vollständig im Dunkeln. Macht gar nix, sie steht mitten in einem explodierenden Wolkenband aus Zuschreibungen und Nadelbäumen.

    Nacktheit und Bekleidung, Erotik und Kunstwillen ringen miteinander, den Ausgang lässt Inka Büttner offen. Deshalb bleiben ihre Ferien spannend. 

Julian Weber